Stadtfest! Das war's.
Der vierte, so genannte “Lange Tisch”, das alle fünf Jahre in Wuppertal stattfindende Stadtfest, ist jetzt seit einem Monat Geschichte und als Thema des Talk of Town wurde das urbane Happening nur wenige Tage, nachdem Bühnen und Bierwagen abgeräumt waren, vom überraschenden Tod der Pina Bausch abgelöst. Dennoch wollen wir, als Beteilgte, zu dieser “grössten Party der Stadt” noch ein paar Worte verlieren, wobei es mit der obligatorischen Danksagung an die Beteiligten nicht getan ist.
Es ist nämlich zu befürchten, dass es das letzte Mal war, dass der “Lange Tisch” ein ganz besonderes Stadtfest war.
Eine Art Abgesang mit Fotostrecke.
Niemand kann sagen, es hätte keinen Spass gemacht in diesem Jahr. Und auch unter dem Vordach der Lokal-Bank am Robert-Daum-Platz, dem TUNN:EL-Standort zum diesjährigen “Langen Tisch”, überwog gute Laune.
Ein präziser und mobilisierender Auftritt von Northern Beach und die DJ-Sets von Da Mack, Maximum und T.Raumdeckung fanden im Laufe des Abends mal mehr, mal weniger dankbares Publikum, liessen den eroberten Strassenraum vibrieren und sorgten - trotz zu Beginn verstopfter Bierleitungen - für bestes Blockparty-Feeling im temporären Experimental-Labor am Ort der ersten von uns projektierten Wiederbelebungsmassnahme.
Vor Allem der Radical-Pop von Northern Beach, bei denen ein wie entfesselt auf sein Drumkit einprügelnder Magge und ein eher in sich ruhender Walter von Wittershagen am Bass ihrem gut gelaunten Frontmann, Sänger und Gitarristen Achim Bihler den Rücken freihielten, wenn der sich - etwa beim Punk-Lehnchen oder seiner Referenz an Billy Bragg - nach weit vorne sang und spielte, und die spontanen feinen und leisen Improvisationen dreier uns unbekannter Blechbläser zu Maximums DJ-Set am späten Abend standen in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni für das, was dieses Strassenfest in der Vergangenheit zu etwas Besonderem gemacht hat.
Blickte man jedoch über den eigenen Streckenabschnitt hinaus, konnte man sich des Eindrucks nicht entziehen, dass auch dieses Fest seine besten Zeiten hinter sich hat und zunehmend per Selbstkannibalisierung und von kommerziellen Interessen aufgefressen wird. Die zeitweilige Eroberung städtischer Alltagsräume durch die Bewohner einer Stadt bedeutet nämlich weder umfassende Passivbespassung an sponsorenfinanzierten Grossbühnen, noch gegenseitige Überbietung an Watt und Phon. Rückeroberte Räume zeichnen sich vielmehr durch soziale Kontakte und überraschende Interaktionen aus. Und durch die Freiheit, einmal keine Rücksicht auf jene nehmen zu müssen, die mit fetteren Geldbündeln winken.
Doch das ist seit diesem Jahr Geschichte. Forderungen von professionellen grossen Gastronomen, die durch Sponsoren engagiert worden waren, eine der Haupt-Bühnen mit Getränken zu versorgen, nach denen nicht nur auf dem Laurentiusplatz die vorhandene und eingesessene Aussengastronomie am Festtag zu schliessen sei, (damit die Kalkulation am eigenen Bierwagen aufgehen möge), konnten zwar unter Androhung einer vollständigen Schliessung des Lokales - damit auch der dort vorhandenen und offenbar auch eingeplanten Toiletten - abgewendet werden, zeigten jedoch exemplarisch die Richtung, in die sich das Fest entwickelt hat.
Derartige - rein kommerziell bedingte - Ansprüche verhöhnen die ursprünglich einmal zugrundeliegenden Idee des “Langen Tischs” ebenso, wie die Vermarktung der Innenstadtbereiche durch die Orion-Marketingagentur, die sich hierfür nicht nur durch die immergleiche und viel kritisierte Organisation des Weihnachtsmarktes in der Elberfelder Innenstadt qualifizierte, sondern wahrscheinlich auch - (und wieder einmal) - von eher dusseligen Langfrist-Knebelverträgen mit der Stadt Wuppertal profitierte. Wie nicht anders zu erwarten war, fehlte dann auch im gesamten durch Orion-Marketing verwalteten Fest-Abschnitt der Elberfelder City weitgehend jeglicher Lokalbezug. Zum Zuge kamen dort ausschliesslich Anbieter von auswärts, die routiniert Rostbratwürste und Stadtfestbiere mit Stimmungsmucke aus der Konserve unter das austauschbare Stadtvolk brachten.
Es scheint, als hätte man den Planern im Stadtmarketing etwas zu oft erzählt, welch tolle Aussenwirkung ein Fest habe, dass auf inhaltliche Vorgaben und behördliche Einschränkungen verzichtet. War der erste “Lange Tisch” ursprünglich aus der schon notorischen Not des städtischen Haushalts geboren, und hauptsächlich für die Wuppertaler als Ersatz für ein “richtiges” Stadtjubiläum gedacht, so sollte er in diesem Jahr sommerlicher Werbeträger für die darbende Stadt werden, und dabei eine Geschichte fortschreiben, die mit dem NRW-Tag im vorigen Jahr begonnen hatte, und in der die Wuppertaler hauptsächlich als zahlenmässig möglichst grosses Publikum vorgesehen sind.
Anders lässt es sich nicht erklären, warum sich im Vorfeld des “Langen Tischs 2009” ein paradoxes “grösser, besser, teurer” breitgemacht hat, wo doch alles gut war, wie es war. Dass sich aus diesem Rekord-Szenario für teilprivatisierte Wuppertaler Stadtwerke, die konsequenterweise erstmals Gebühren für den Strom verlangten, und für eine ausgelagerte und ebenfalls privatisierte Stadtmarketing GmbH derbe finanzielle Probleme ergeben würden, die nur durch das Akquirieren von Sponsoren aus Industrie, Handel und Finanzwelt behoben werden können, wurde entweder nicht bedacht, oder - viel wahrscheinlicher - in Verkennung des Charakters dieses Stadtfestes bewusst in Kauf genommen.
Es zeigt in jedem Fall, dass von der Kern-Qualität des “Langen Tischs”, die sich eben nicht in Besucherzahlen und verkauften Hektolitern Bier ausdrücken lässt, offenkundig sehr wenig verstanden wurde. Das Ergebnis dieser Politik waren nicht nur einige schlechtgelaunte Kommentare zu Teilen des diesjährigen Programmangebots - selbst in der Wuppertaler Rundschau, die sonst gerne auf jeden künstlichen Hype aufspringt, konnte man Missmutiges lesen - sondern vor allem ein geringeres Potential zur Identifikation mit dieser Stadt.
Doch auch die Anmelder und Akteure, die sich in bisher nicht dagewesener Anzahl zu einem eigenen Beitrag zum “Langen Tisch” entschlossen hatten, müssen sich hier und da fragen, ob sie noch wissen, was sie da tun. Aus der einstigen Vielfalt von auf die Strasse verlegten Haus- und Blockparties entwickelte sich teilweise ein schräger Wettbewerb, bei dem viele Stände technisch und gastronomisch absurd aufgerüstet wurden. Beinahe alle schienen an diesem Abend zu versuchen, ein paar Euros zu schnappen und zuviele, die man in dieser Nacht traf, schienen auf die eine oder andere Art zu arbeiten anstatt zu feiern. Und oft wurde der “Lange Tisch” dabei mehr nach dem nächtlichen Kassensturz als nach dem eigenen Vergnügen bewertet.
Auch die Frage, warum inzwischen fast jeder Szenegastronom, auch jene, deren Lokale abseits der Route des "Langen Tischs" liegen, an der Feststrecke Getränke und Essen feilbietet, wo der Spass doch ursprünglich einmal daraus bestand, dass die Kneipiers an diesem Abend ausnahmsweise das kulinarische und alkoholische Angebot ihrer Gäste verkosten konnten, muss gestellt werden. Ein nettes Grillfest, bei dem McDonalds einen Stand aufbaut, ist schliesslich auch keines mehr.
Unser Fazit ist, dass der “Lange Tisch” sich zunehmend in kommerziellen Zwängen und behördlichen Vorgaben verliert. Sollte die Aktionistenstadt an der Wupper in fünf Jahren überhaupt offiziell noch etwas zu feiern haben - was jedoch bei den aktuellen Prognosen durchaus bezweifelt werden darf - ist eine Beteiligung unseres Projektbüros am nächsten “Langen Tisch” unwahrscheinlich. Man sollte aufhören, solange es noch schön ist.
Zu hoffen bleibt, dass die Wuppertaler, die sich ihre Feste z.T. allzu bereitwillig “wegnehmen” lassen, sich auch ohne eine städtische Organisation mehr und mehr dazu aufraffen, die öffentlichen Räume zurückzuerobern. Vielleicht liegt die Zukunft gemeinsamer Feste am Ende doch in den Kiezen und Hoods, wenn Leute zusammenkommen und die Plätze und Strassen ihres Viertels gemeinsam nutzen - wie z.B. beim gemeinsamen Kochen auf dem Otto-Böhne-Platz in der Elberfelder Nordstadt.
(Quarta settimana-Vierte Woche)
















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